Restaurant Tim Raue * * in Berlin (DE)

Kaum in Berlin angekommen – hoffentlich wird der neue Flughafen in diesem Jahrhundert noch fertig, denn Tegel ist eine einzige Katastrophe – habe ich auch gleich die erste Reservation am Abend bei einer Touristen-Attraktion dem „Checkpoint Charlie“ (nachgebaut wohlgemerkt).
Der Eingang zum wohl berühmtesten Restaurant in Berlin – sicherlich spätestens seit der letzten Chef’s Table Staffel auf Netflix – ist ziemlich versteckt in einem Innenhof. Aber irgendwie merkt man den asiatischen Touch hier gleich auf den ersten Blick…

Das Restaurant ist wirklich toll ausgestaltet, die Sitzplätze sind leicht verwinkelt durch die Bankanordnung, das lässt einem den Platz zwischen den Tischen noch grösser wirken, was sehr angenehm ist. Der Service ist hier wirklich angenehm locker, entspannt und freundlich, was weiter zur angenehmen Atmosphäre beiträgt. Zur Auswahl steht ein 8-Gang Menü (198 €) oder ein leicht kürzeres Signature-Dish Menü (165 €) oder einfach auch die meisten Gerichte à la Carte. Ich entscheide mich für das 8-Gänge Menü mit der Signature Peking Ente à la Raue dazu.
Und dann geht es auch schon los, der Tisch wird vollgepackt mit verschiedenen Einstimmungen, unter anderem: Schweinebauch mit süss-scharfer Sauce, eingelegte Gurke, Shiso-Blatt mit Sellerie und Ponzu, ein Curry-Marshmellow und noch weiteres…

Alles ist wirklich hervorragend, wunderbar erfrischend, häufig mit Schärfekick und immer wirklich wohlschmeckend. Das ist wirklich mal eine Initialzündung, hier wird von Beginn an nicht gekleckert sondern geklotzt.


Als erster Gang wird dann Baby-Besteck aufgetischt, ich bin zuerst verwirrt, ist das Porzellan in Baby-Optik oder wirklich Plastik-Baby-Besteck und ja es ist das zweite. Die kurze Verwirrung überwunden stürze ich mich auf das servierte Gericht bestehend aus Imperial Caviar, Sprotte und Habanero. Klar Caviar sollte man nie mit Metallbesteck essen und ganz ehrlich an diesem Moment hab ich ab dem absoluten Wohlgeschmack dieses Gerichts sowieso schon vergessen, mit was ich es esse. Denn es ist einfach köstlich, schöne schärfe durch den Habanero, Limetten-Zeste gibt eine parfumierte Säure, die Sprotte und der Caviar harmonieren wunderbar. Irgendwie bin ich noch etwas ungläubig.


Können die weiteren Gerichte auf dem Niveau bleiben, ist sogar eine Steigerung möglich? Kann man so etwas überhaupt steigern? Der zweite Gang enthält das aktuelle In-Wort in der Spitzengastronomie „Hamachi“ (früher nannte man es einfach Makrele aber egal), hier heisst das ganze dann Hamachi, Jade-Sauce, Sansho Pfeffer. Ich erwarte einen mehrheitlich rohen Fisch mit etwas schärfe und einer zitruslastigen Sauce. Tim Raue persönlich serviert das Gericht und schwärmt und witzelt über die Jade-Sauce, er wirkt dabei so kompetent wie auch absolut authentisch, dass ich das ganze durchaus sehr persönlich empfinde – positiv gemeint. Zu meinem Überraschen ist die Makrele hier gegart und zwar auf den Punkt durch. Mir ist es recht denn die Jade-Sauce ist leicht mit Aromen von Gurke, Dill und einer leichten Zitrusnote und natürlich einer schönen Schärfe. Der Fisch ist hervorragend, was will man also mehr und ich komme wohl aus dem Grinsen nicht mehr heraus.


Auch die Auster wird hier gegart, sie folgt als nächstes in Hongkong Gai Lan, Oystersauce, Limette. Gai Lan ist ein Brokkoli-Artiges Gemüse, das in der chinesischen Küche ein eigenständiges Gericht einnimmt. Hier ist sie zwar Hauptnamensgeber aber anrichttechnisch ist die schöne Gillardeau Auster doch etwas zentraler. Geschmacklich ist auch hier wieder alles hervorragend, ich beginne mich langsam zu fragen und auch zu fürchten, wann kommt denn das eine Gericht in einem langen Menü, das einfach nicht so ganz rein passt für mich. Bisher war es noch nicht dabei, aber es ist ja auch erst der dritte Gang…


Was folgt kann mich fast gar nicht enttäuschen mag ich doch die Produkte hier einfach zu sehr, seit ich ein kleines Kind bin, es wird aufgetischt Garnele, Tomate, Galgant. Höchstens vielleicht der Galgant kann es versauen? Nichts da, die Garnele schön grilliert, die Tomaten fruchtig frisch und süss, dazu gibt es wieder einen wunderschönen Schärfekick. Die Garnele stammen zu meiner Überraschung nicht aus Palamos, sondern aus Argentinien, sie sind aber genau so schön rot und geschmacksintensiv wie ihre Artgenossen von der Costa Brava.


Es geht nun in Richtung Hauptgang, wenn es den hier überhaupt als solches gibt… Deftig wird es bestimmt mit Spanferkel, Dashi, japanischer Senf. Das Stück vom Schwein wird am Knochen präsentiert als Berliner Eisbein. Ein ordentliches Stück von einem Schwein, das ganz in der Nähe lebte. Und wow, gäbe es diese Haxe vom Schwein am Oktoberfest könnten wohl alle anderen Stände einpacken. Aussen wunderbar knusprig, kross, mit angenehm starker Würzung, innen ist es saftig und einfach perfekt. Der Senf passt genauso dazu wie das Dashi-Gelee und die dünne eingelegten Ingwerscheiben gegen zusätzlich Kick dazu, ein Hoch auf das Berliner Eisbein von Tim Raue.


Was man im Bild nicht erkennt, ist die wunderbare Fettmarmorierung der Wagyu-Scheiben. In ganz heisst es dann Shabu Shabu, Wagyu, Liebstöckel. Meine Angst, dass der Liebstöckel alles überdeckt, verfliegt sehr schnell, das Fleisch ist buttrig und natürlich äusserst zart. Ein Shabu Shabu zwar ohne das Geräusch vom hin und her schwenken des Fleisches in heissem Sud, was dem Gericht den Namen verleiht, aber dennoch einfach eine wunderbare und geschmacklich hervorragend Umsetzung.


Herr Raue lässt sich wieder blicken und serviert Dim Sum schwarzer Trüffel, Prik nam pla, Haselnuss. Er erklärt, dass es sich um den Reismehlteig von Shui fengs handelt die zu Nudeln verarbeitet werden in einer süffigen Sauce und dann wird solange schwarzer Trüffel aus Australien darüber gehobelt, bis man nichts anderes mehr sieht. Na das ist doch mal eine Ansage und er lässt den Worten auch gleichen Taten folgen. Der Duft betörend aber nicht so heftig wie weisser Trüffel, die Sauce mundfüllend, alles so richtig süffig und schlotzig, dass man so etwas nur lieben kann. Natürlich ist die Sauce auch wieder leicht scharf, dieses Mal durch ein Chili-Öl.


Bevor es zum süssen Teil übergeht, folgt jetzt noch das Signature Dish Peking Ente à la Raue in drei Teilen. Ich hoffe, dass ich mir nicht zu viel zugemutet habe, die Gerichte sind trotz fehlender Kohlenhydrat-Füller sehr nahrhaft, aber die Lust auf tollen Genuss überwiegt. Die Ente wurde in drei Teller unterteilt in der vorgeschlagenen Reihenfolge, zuerst die schöne Brust mit Five-Spices-Gewürzen, einem hervorragenden Jus aus Entenfüssen und dazu als süsslicher Gegenpart Apfel und Lauch.
Auf dem zweiten Teller ist dann eine Entenleberterrine mit Essiggurke, einem Hauch von Ingwer und Lauch.
Als letztes wird schon fast traditionell ein Sud gereicht mit Herz, Zunge und Magen der Ente, als Texturgeber wirkt Wintermelone und Bambuspilz, alles äusserst aromatisch und einfach wohltuend.


Zu Meiner Überraschung folgt ein Pré-Dessert von geräucherten Bananen mit Rauch-Öl, dulce de leche Schokolade und weiteren Komponenten, die ich mir nicht alle aufgeschriebenen habe. Das ganze funktioniert erstaunlich gut, wobei man etwas aufpassen muss, nicht zu viel vom Rauch-Öl zu erwischen. Geschmacklich erinnert es mich an einen Drink mit dem Namen Smoking Monkey. Ein Sehr interessanter Übergang von salzig zu süss, denn teilweise ist auch dieser Gang etwas salzig, süss, rauchig.


So meine Skepsis doch noch ein Gericht zu erwischen, das nicht ganz so hervorragend ist, ist rein von den Komponenten beim Dessert am grössten. Es wird ein witziger kleiner Buddha serviert in Passionsfrucht, Tonka, Gurke. Meine Skepsis entspringt vor allem den bisherigen, schlechten Erfahrungen von Gemüsen und Kräutern in Desserts. Hier funktioniert das ganze aber hervorragend, die Passionsfrucht ist erfrischend und säuerlich-süss, die Gurke irgendwie eigenwillig aber dennoch sehr wohlschmeckend und die Tonkabohne gibt das weiche liebliche Arome dazu. Ein wirklich gut gelungenes und wohlschmeckendes Dessert.


Zum süssen Abschluss wird in einem Japanischen Stapelgeschirr noch ein Stück eingelegter Rhabarber, eine art Praline aus weisser Schokolade mit getrocknetem Erdbeerpulver und ein Marchmellow mit Erdbeerpulver aufgetischt. Alles angenehm süss und lieblich und einfach wohlschmeckend.


Eins vorneweg, das Restaurant Tim Raue ist für mich mit Abstand das beste Restaurant in Berlin, auch wenn ich nur vier Sterne-Restaurants hier besucht habe, bin ich mir absolut sicher, dass keines der anderen Sterne-Restaurants, auch die nicht besuchten, auch nur annähernd an das hier heran kommen. Aber wer scharfes Essen und asiatische Geschmacksrichtungen nicht mag, ist hier sicherlich am falschen Platz. Für mich persönlich war es ein absolut grandioses Erlebnis und Essen, ich war Pappsatt aber auch glücklich, die Gerichte hier sind teilweise fordernd, manchmal auch verwirrend, aber sie schmecken einfach so hervorragend, dass man jeden Bissen stets geniesst. Ein paar witzige Szenen gab es dann noch gegen Ende des Essens, als ein asiatischer Gast am Tisch neben an Platz nahm, der wohl weder Englisch sprechen noch wirklich verstehen konnte und sich auch sonst sehr sonderbar verhielt, er hat gefühlt 100 Bilder zu jedem Gericht gemacht mit seiner viel zu grossen Spiegelreflex-Kamera und naja Essen an sich war wohl nicht sein primäres Ziel.

BewertungsartBewertungBegründung
Essen:10Absolut eigener, unverwechselbarer Stil. Hier gibt es asiatische Spitzenküche und doch sehr viele, aber gute europäische Einflüssen. Die Produktqualität und eingesetzten Techniken sind über jeden Zweifel erhaben. Man muss aber scharfes Essen mögen.
Ambiente:5Wunderschön eingerichtet, bequem, mit dezenter Hintergrundmusik und einfach toller Stimmung. Direkt beim Checkpoint-Charlie und dennoch so weit von Berlin weg.
Service:5Der Service ist sehr freundlich, persönlich und jederzeit professionell. Der Service ist direkt und nah und man ist auch nicht um einen Witz verlegen.
Preis-Leistung:4Die Preise sind sicherlich nicht tief für das Essen, aber die Wein- und Getränkepreise sind hier sehr angenehm kalkuliert und schlussendlich entspricht der Preis halt auch wirklich der Leistung hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.