Mirazur * * in Menton (FR)

Leider war das Wetter nicht mehr so grandios wie am Montag, jedoch ist auch im Restaurant Mirazur die Aussicht sehr schön, wenn auch gleich unterhalb der Zug des öfteren durchbraust. Auch dieses Restaurant ist mit 2 Sternen im Guide Michelin bewertet und wird in der viel-diskutierten 50 Best Restaurants Liste von San Pellegrino auf Platz 6 und somit auf dem besten Platz der französischen Restaurants geführt.
Der Küchenchef hier heisst Mauro Colagreco ein umtriebiger Argentinier, der zur Zeit durch diverse italienische Kochsendungen führt und hier vor und hinter dem Restaurant (das letzte Haus vor der italienischen Grenze) seine eigenen Gärten betreibt.
Das Restaurant besteht aus einer rundum Verglasung und ist dadurch sehr offen. Ich erhalte einen Sitzplatz am Fenster Richtung Meer und Menton-Altstadt, die hinteren Plätze sind bei weitem nicht so toll.

Die Lautstärke hier ist durch die glatten und nicht dämmenden Oberflächen eher laut, das teilweise höhere Alter der Esser tut sein Übriges dazu (Hörgeräte wären doch auch etwas…).
Am Mittag hat man hier eine Auswahl à la carte (25-49 €), ein Mittagsmenü (5-Gänge à 85 €), Voyage des Senses (11-Gänge à 140 €) und zum zehnjährigen Jubiläum ein Spezialmenü (210 €). Ich entscheide mich für Voyage des Senses und bin ob der doch sehr hohen Gängeanzahl überrascht. Dazu weiss man bei keiner Auswahl, was dann vor einem landet, dies wird der Küche überlassen.

Los geht es mit drei Kleinigkeiten, die die Dreifaltigkeit der Küche hier widerspiegeln soll (Meer, Garten, Berge), das Meer wird durch ein Fossilized small squid mit Menton-Zitronen-Creme-Füllung repräsentiert. Beetroot jelly and goat cheese cream steht für den Garten und Amaranth toast, bacon colonnata and green apple für die Berge. Letzterer vermochte am meisten zu überzeugen, der irgendwie frittierte Tintenfisch hatte eine komische Textur und das Beete-Gelee hatte zu wenig Geschmack.


Der erste Eindruck ist wenig begeisternd, zählt es wenigstens, wenn diese Kleinigkeiten nicht zu den 11 Gängen die folgen gehören? Als nächstes auch nicht zu den Gängen dazuzählendes Intermezzo folgt ein ganzes Brot (bread to share), das nach einem Rezept von Colagrecos Grossmutter entstand. Dazu gibt es hauseigenes Olivenöl mit Menton-Zitrone und Ingwer parfümiert. Das Brot ist heiss, teigig und mit gutem Geschmack, aber kein Überflieger. Es wird noch weiteres Brot gereicht (Landbrot-, Gemüsebrot-Scheiben und ein papierdünnes Brot mit Salz). Aufgrund der hohen Gängeanzahl und des noch folgenden wird sich vor allem das papierdünne Brot mit Salz als tolle Knabberei dazwischen entpuppen.


Zurück zur Frage, ob es zählt, dass das bisherige nicht zum eigentliche Menü zählt? Denn erst jetzt geht es „richtig“ los. Dies gleich mit dem bereits mehrfach angepriesenen Signature-Dish Gillardeau Auster mit Schalotten-Créme und Williams-Birne. Die Auster ist riesig und dick, in der Schale würde diese allein die ganze Hand füllen. Die Birne darunter perfekt reif. Alle drei Hauptzutaten ergänzen sich wunderbar und widerspiegeln viel besser die angepriesenen drei Elemente.


Darauf folgt ein weiterer Meeresbewohner mit Königskrabbe in Grapefruit-Canneloni mit Grapefruit-Meringue und Avocado-Créme. Eine tolle Umsetzung mit grossartigen Produkten, der einzige kleine Makel ist, dass die Grapefruit gerne etwas mehr Säure und weniger Bitterkeit beisteuern hätte können.


Nun geht es wieder ans Land mit der Neuinterpretation eines Rinder-Carpaccios, hier ist das Fleisch aber gekocht und nicht roh. Dazu wird es Bunt mit Kräutern und Blüten aus dem Garten. Das Gericht schmeckt wunderbar, jedoch erinnert es mich rein geschmacklich viel mehr an ein Vitello Tonnato, als ein Rinder-Carpaccio. Da ich jedoch Vitello Tonnato sehr mag, mag ich dieses Gericht auch sehr. Es kommt mir aber ein erstes Mal Zweifel, ob ich überhaupt alle Gänge zu essen vermag. Die Portionen sind alles andere als klein und das war erst der dritte Gang…


Knapp an Land angelangt geht es nun definitiv in die Berge mit einem sehr süffigen Gericht namens Corn texture with white truffle. Das Gericht besteht aus einem Polenta-Schaum dazu verschiedene Mais-Stücke und in der Mitte ein Eigelb, darüber eine ordentliche Menge weisser Trüffel.
Tolles Gericht, jedoch hätte es hier des Volumen wegen durchaus kleine Menton-Zitronen-Stücke vertragen um das Ganze etwas aufzufrischen. Auch diese Portion war sehr üppig.


Als nächstes geht es einem italienischen Klassiker „Tortellini in brodo“ an den Kragen. Hier sind die Tortellini jedoch mit Mandeln gefüllt, die Brodo ist eine geräucherte Rinderbrühe. Irgendwie scheint es, als ob nach der italienischen Grenze die Kunst Tortellini herzustellen gerade wieder zurück über die Grenze flieht. Der Teig ist auch hier etwas zu dick und die Füllung etwas zu süss. Die Brühe dagegen ist wunderbar und macht die nicht ganz so tollen Tortellini wieder weg.


Bisher geht es noch so mit dem Magen, nur was jetzt folgt lässt mich zum ersten Mal richtig zweifeln. Das Gericht trägt den Namen The forest und besteht aus Steinpilzen, Eierschwämmen, Quinoa-Risotto, kleinen Kartoffeln, Petersilien-Schwamm und Grana Padano-Sauce. Die Platte ist riesig, man fühlt sich davor wirklich in einen Wald versetzt. Der Duft ist betörend und so ist Gabel um Gabel davon weg und ehe man sich versieht, ist die Platte leer.


Nach dem Waldabstecher wird man nun wieder ins kalte Wasser (Meer) geworfen. Es folgt nämlich ein durch und durch Produktfokussiertes Gericht mit Meerbrasse (Dentex), Béarnaise-Sauce mit Lakritze, gegrillter Babylauch und fermentiertem Knoblauch. Der Fisch ist perfekt gegart und von höchster Qualität, die Béarnaise-Sauce toll und die restlichen Komponenten nehmen nur gerade soviel Platz ein, wie man ihnen beimisst.


Jetzt wird Berge, Garten und Meer gemischt mit Tendons, French clams, Lily root bulb. Eine äusserst intensive Reduktion aus Wild-Sehnen-Essenz in der hervorragende Herzmuscheln und spezielle Lilienwurzeln schwimmen. Das Mundgefühl ähnelt der süffigen Crémigkeit von Markbein.


Da fehlt bloss noch das Hauptgericht, für Dessert ist ja sowieso immer Platz…
Auch hier wird wieder eine Taube serviert, dazu gesellen sich Dinkel und rote Beeren. Eine interessante Kombination mit den Beeren, die eine herausragende Qualität haben, auch die Taube ist hervorragend. Hier passt alles zusammen, die Säure und Süsse der Beeren, die gehaltvolle Taube, die crémige Dinkelzubereitung und auch die Saucen.


Der süsse Start macht Himbeer-Eis, frische Himbeeren und Balsamico auf Liebstöckel-Créme (Maggikraut). Die Kombination ist interessant, jedoch auch sehr gewagt. Ich kann dazu auch keine abschliessende positive oder negative Antwort liefern.


Das Haupt-Dessert ist dafür hervorragend und trägt den Namen Naranjo en Flor. Es besteht aus einer Orangen-Zucker-Haube, darunter ein Mandelmilch-Schaum, dazwischen befinden sich ganze Mandeln und Orangenstücke, ganz unten teilen sich ein Orangensorbet und eine Safran-Créme den Platz unter dem Schaum. Süss, sauer, crémig, knackig auch hier alles was ein tolles Dessert haben sollte.
Ein toller Abschluss der 11-Gänge.


Wie üblich folgen noch süsse Petitessen, diese passen hier auch zum Ganzen, vor und nach den 11-Gängen ist leider nicht das Wahre. Die Petitessen hier sind: Gorgonzola und Kaffee-Tarte (rechts hinten), Mate und weisse Schokoladen Pastille (links hinten), Hibiskus-Macaron mit rosa Pfeffer-Füllung (links vorne), frische Früchte aus dem Garten (kleine Äpfel, Trauben, chinesische Datteln, Granatapfel).

Schade eigentlich sind doch die richtigen Gänge alle zwischen grossartig und grandios, wieso klappt dies dann nicht auch vor und nach diesen 11 Gängen? Das Essen hier ist interessant, herausfordernd und meistens sogar hervorragend. Die Aussicht ist auch hier sehr schön. Das scheinen die Côte d’Azur 2-Sterne Restaurants gemeinsam zu haben.

Bewertung

BewertungsartBewertungBegründung
Essen:8.5Sehr gute Gerichte, das Menü hat eine hohe Dramaturgie und erfasst die Umgebung gekonnt. Wenn das vor und nach dem Menü Servierte auch noch auf diesem Niveau wäre, würde hier eine höhere Wertung stehen.
Ambiente:3Schöne Lage und Aussicht, das Ambiente ist schlicht und wirkt modern. Durch die kaum dämmenden Materialien wird es recht laut.
Service:3Angenehmer, freundlicher Service so wie es sein sollte.
Preis-Leistung:4So viele Gänge in diesen Grössen und Qualitäten, das kriegt man kaum woanders für das Geld geboten. Wer hier nicht satt rausläuft, dem ist nicht mehr zu helfen.

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