Restaurant Überfahrt * * * in Rottach-Egern (DE)

Ferienzeit ist Wohlfühlzeit. Ich glaube diese Aussage trifft auch auf ein Essen im Restaurant Überfahrt am schönen Tegernsee in Bayern zu – Essenszeit im Restaurant Überfahrt ist Wohlfühlzeit.
Die Anfahrt aus Seefeld in Tirol (der eigentliche Ferienort) war durchaus abenteuerlich über einen ziemlich langen, mautpflichtigen Forstweg der Isar entlang von Wallgau nach Vorderriss. Diese Strecke wäre wunderbar mit einem Motorrad zu befahren und bestaunen, mit dem Auto jedoch ist es doch etwas fordernd.
Doch nach der knapp 1.5 stündigen Anfahrt freut man sich umso mehr auf ein spannendes und hoffentlich auch fantastisches Essen hier.
Zum Hotel Überfahrt in dem das Restaurant liegt, möchte ich nicht viel verlieren. Es ist eher der Zielgruppe 60+ gewidmet und „überzeugt“ mit einer Ruinart-Bar vor dem Eingang. Wer will denn auch nicht gleich nach dem Abstellen des Autos in der Auffahrt eine prickelnde, preislich leicht überzogene Erfrischung zu sich nehmen?

Nun aber zum spannenden Teil, nämlich dem Restaurant und auch dem Essen. Dies wartet mit Auszeichnungen wie 3 Sternen von Michelin oder 19.5 Punkte im Gault Millau auf und sollte somit höchsten Genuss versprechen.
Um in die Genusszentrale zu gelangen, muss man erst einmal an allen „gewöhnlichen“ Restaurants des Hauses vorbei, hier ist vielleicht die Devise, wer gut Essen will, soll sich gefälligst auf’s Essen konzentrieren und braucht den See nicht zu sehen.
Das Restaurant selber ist schön angenehm eingerichtet, wirkt schon beinahe rustikal (mit Stil) und lässt einem in den bequemen Stühlen erst einmal etwas zur Ruhe kommen. Man erhält hier 2 Kärtchen, auf dem einen ist das Menü 1 (7 Gänge für 249 Euro) und auf dem anderen das Menü 2 (5 Gänge für 219 Euro). Man kann beliebig umschieben, kombinieren oder auch einfach einzelne Gerichte bestellen (jedes Gericht ist mit einem Einzelpreis versehen). Ich finde dies eine sehr gelungene Kombination aus eigentlich 2 Tasting-Menü-Optionen mit eingebauter à la Carte Funktion.

Während man sich sein Menü aussucht oder gedanklich noch am zusammenstellen ist, wird schon einmal eine wunderbare Knabberrei aufgetischt. Es ist eine Zwiebel-Quarkcreme mit eingelegten Radieschen und diversen Jungtrieben und Mikro-Kräutern garniert dazu Hausgemachtes Knäckebrot.


Als ich mich endlich entscheiden konnte (mehrheitlich Menü 1 mit 2 Anpassungen), folgte bereits die nächste kleine Einstimmung. Es ist eine dreigeteilte Malzbrot-Scheibe mit (von links nach rechts) Chorizo, Aubergine, Lachs-Tatar. Alle drei Stücke sind hocharomatisch, süffig (Chorizo) oder erfrischend (Lachs-Tatar).


Nur kurze Zeit später erscheint nochmals etwas auf dem Tisch, eine schöne Stein-Kristall-Platte mit herlich duftenden Brotstücken. Wer will schon einen ganzen Brot-Korb zur Auswahl, wenn man so etwas anstelle davon erhält?
Auf dieser Platte sind Kartoffel-Brot (links, quaderförmig), dann rechts die ersten beiden Scheiben sind Milchbrot und danach ein wunderbares italienisches Landbrot (mit Kräutern). Dazu gab es hausgemachte Butter mit Quark verfeinert, Olivenöl und fleur de sel.

Ich möchte zusätzlich erwähnen, dass nachdem ich alle durchprobiert hatte und die Brote langsam erkühlten (etwa nach der ersten Vorspeise), nochmals eine frische Platte mit wieder warmen Exemplaren dieser Brote aufgetischt wurde – man muss sich da echt zurückhalten…sonst isst man bloss noch Brot.


Als Signature-Dish (jedenfalls habe ich das schon einige Male im Netz gesehen, wenn man nach dem Restaurant sucht) folgte die letzte Einstimmung. Es hat den Namen „Tomaten-Schneeball“ und sieht nicht bloss wunderschön aus, sondern kann auch durch tollen und intensiven Tomatengeschmack überzeugen. Im Schneeball drin ist eine flüssige Tomatenfüllung enthalten.

Was, Tomaten wachsen nicht so in der Natur? Schade…


Da nun der Reigen an Einstimmungen, Apéros und Amuse Bouches durch ist, startet das eigentliche Menü. Mit etwas so banalem wie einer Karotte. Hier beschrieben als Mohrrübe: Karotte, Kalbskopf, Meerrettich, Petersilie.
Klingt einfach, banal, rustikal, geerdet, aber passt das hier hin? Der Anblick ist auch nicht spektakulär, die Sauce mit Kalbskopf und Zwiebeln wird vom Service gekonnt auf den Teller drapiert und man sitzt da wie ein Kaninchen und ist gespannt.

Es ist nicht banal, auch nicht einfach, rustikal ja, geerdet auch und einfach so himmlisch gut, dass man sich wünscht, Karotten würden von Natur aus mit einer Petersilien-Sauce gefüllt sein. Denn das ist diese Karotte, sie hat einen Kern aus Persilien-Sauce. Der Meerrettich steuert eine frische Note bei und die Sauce mit Kalbskopf und Zwiebeln würde man am liebsten im Pfännlein dazu noch weiter auslöffeln.


Als zweite Vorspeise folgt mit dem Namen Götterspeise ein Gericht mit klarem Statement. Es besteht aus Langostino (eigentlich Kaisergranat), Lauchpüree, Vin Jaune, Rosenseitlinge.

Ist dies wirklich eine Götterspeise?
Die Antwort ist ein einfaches: JA, gefolgt von einem langen MHM…
Das ist etwa in Worten ausgedrückt das Gefühl dieses Tellers, vom ersten Duft der in die Nase strömt bis hin zum letzten Saucenfleck, den man mit Brot auftunkt, damit man davon ja nichts auf dem Teller übriglässt.
Eine ältere Dame am Nebentisch bringt es auf den Punkt: „Es ist zum Träumen gut“.


Versunken im Stuhl sitze ich da, leicht verträumt und benommen vom letzten Gang. Statt des nun anstehenden Petersfisch habe ich mich für Frodos Garten entschieden. So erwarte ich nun einen schönen Ausflug ins Auenland bestehend aus Kalbsbries, Eidotter, Wurzelgemüse, Pilze.

Die Kalbsbries sind wunderbar gebraten und geschmacksintensiv. Das Eigelb gibt dem Ganzen eine süffige Tiefe und die Gemüse und Pilze lassen einem wahrhaftig an das saftige Grün des Auenlands erinnern. Dieses Gericht ist wieder rustikaler und geerdeter, aber dennoch wunderbar fantastisch mit überragender Produktqualität.


Aus dem Garten in die Kiste ist wohl nun die Überleitung. Die letzte Vorspeise heisst nämlich die Kiste, und damit ist ein Quader aus Kartoffel, gefüllt mit Eigelb, umringt von einer Perigord-Trüffelmousseline, gekrönt von einem Trüffelsalat und zusätzlich am Tisch noch angegossen mit einer Madeira-Sauce gemeint.

Ist es dekadent mindestens einen ganzen Perigord-Trüffel für diesen Teller zu verarbeiten? Nicht wenn es dem besten Geschmack dient!
Dieses Gericht ist so süffig und so geschmacksintensiv, dass der Mund nach jeder Gabel eine kurze Pause braucht um das alles verarbeiten zu können. Das ist in keinem Fall negativ gemeint, sondern man wird förmlich gezwungen jeden Bissen zu geniessen. Hier macht man dies auch dazu noch gerne.


Beim Hauptgang habe ich mich auch umentschieden und so wird nun ein Feuervogel serviert. Dieser ist auf den Karten nicht zu finden, es handelt sich aber um eine Bresse-Taube in absoluter Spitzen-Qualität.

Dieses Gericht ist wunderbar produktfokussiert. Es setzt die Taube (zwar etwas markaber mit dem ganzen Fuss) in die Mitte und gibt lediglich als Zugabe etwas Wurzelgemüse und einen tiefen Intensiven Jus dazu. Auch hier ist die Sauce wieder zum Auflöffeln gut.


Anders als in vielen anderen grossen Restaurants wird hier auf einen Käsewagen verzichtet (man kann dies jedoch bestellen). Es wird eine Käsevariation mit dem Namen Ziegenpeter 3.0 serviert.

Die Kombination ist gewagt und der Ziegenkäse und die Ziegenkäse-Emulsion darunter sind sehr intensiv. Der Ausgleich schafft ein herzhaftes Kompott aus Pflaume und Zwiebeln. Dieses Gericht ist immer etwas am Limit des ertragbaren Ziegengeschmacks (für mich), es schafft jedoch immer wieder die Kurve durch das Kompott.


Für einmal gibt es kein Pré-Dessert oder etwas anderes vor dem Dessert, es geht schlicht und einfach weiter mit Zitrone nach Paul Pairet. Ja das ist eine ganze kandierte Zitrone (zumindest die Schale), gefüllt mit einer Zitronen-Creme und einem Zitronen-Sorbet als Kern, dazu wird eine Zitronen-Sauce angegossen. Kurzform: Zitrone drauf, Zitrone drin, Zitrone drumherum.

Ich war äusserst skeptisch beim ersten Anblick. Wurde aber mit jedem Bissen eines besseren belehrt. Die kandierte Zitronenschale gibt ein wunderbares Zitronenaroma ab und steuert eine leichte Bitterkeit bei, die Creme ist herrlich süss-sauer und das Sorbet wunderbar erfrischend. Das Erstaunlichste sind aber die kleinen (nicht erkennbaren) Salzkristalle, die, so ungewöhnlich das auch klingt, die Süsse wunderbar erhöhen, sie balancieren das Dessert gekonnt aus.


Zum Abschluss folgen die üblichen Petitessen, gehört sich ja für ein 3 Sterne Haus so…
Okay ich habe vergessen, hier ist es nicht gewöhnlich, die letzten Gerichte waren ja rein optisch gewöhnlich genug, da muss nochmals ein kleiner Scherz und Schock zum Schluss kommen.
So steht der Service vor meinem Tisch mit einem Gartenbeet in der Hand und der Gemüsemarkt-Frage „welche Kartoffel darf es denn sein?“.
Es gibt „Sacher“, „Käsekuchen“, „Nougat“…

Ehm ja, nachdem man wieder wachgerüttelt wurde (bin ich doch noch im Auenland???), fällt die entscheiden auf Sacher und Käsekuchen. Die nette Frau vom Service macht sich gleich auf die Suche nach den Vergrabenen Erdäpfeln und tischt kurzerhand dies auf:

Es sieht vielleicht nicht so aus, aber ja Kartoffeln als Friandise sind vorzüglich, dazu etwas Erde (ist ja rustikal hier) und erfrischender Sauerrahm. Braucht man da echt noch Pralinen?

Ein aufwühlender, ereignisreicher und vor allem wohlschmeckender Nachmittag geht zu Ende. Was bleibt? Erinnerungen, die überdauern, ein Gefühl von absolutem Wohlgeschmack und eine Sehnsucht wieder zurückzukehren.

Bewertung

BewertungsartBewertungBegründung
Essen:10Absoluter Wohlgeschmack in Kombination mit höchster Produktqualität und die Saucen sind zum dahinschmelzen.
Ambiente:4Sehr schönes Restaurant, mit ruhigem und entspannendem Ambiete. Man fühlt sich rundum wohl.
Service:5Der Service war wunderbar freundlich, direkt und auch zu einem Dialog zum Essen immer bereit.
Preis-Leistung:4Die Preise sind auf diesem Niveau kaum zu toppen. Natürlich ist ein solches Restaurant nicht günstig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.